Ungleiche Gleichgewichte

Erläuterungen zur Folie


Michael W. Tausch

erschienen in Chemkon, Nr. 3, 1996

Komm, drücke mich recht zärtlich an dein Herz!

Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe!

Das ist die Eigenschaft der Dinge:

Natürlichem genügt das Weltall kaum;

was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.

GOETHE, FAUST II

Die klassische Thermodynamik, das Paradebeispiel einer logisch konsistenten naturwissenschaftlichen Theorie, verliert sich nicht wie der Humunculus aus Goethes Werk in Spekulationen über das Universum. Sie befaßt sich vielmehr mit geschlossenen Systemen, deren Anfangs- und Randbedingungen reproduzierbar kontrolliert werden können. In solchen künstlich geschaffenen Systemen kann sich der Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts einstellen. Seine Kenntnis ermöglicht uns Einsichten in abgrenzbare, d.h. zumindest näherungsweise geschlossene Systeme der unbelebten wie auch der belebten Welt [1]. Für natürliche, prinzipiell offene Systeme ist die Theorie des thermodynamischen Gleichgewichts jedoch zerbrechlich wie Glas.

1. Gleichgewichte - ein fächerübergreifendes Thema

Der naturwissenschaftliche Unterricht soll neben fachspezifischen Zielen auch allgemeine Bildungsziele anstreben, z.B. die Entwicklung eines zeitgemäßen Weltbildes, die generelle Kommunikationsfähigkeit sowie die Entscheidungskompetenz in ethischen und politischen Fragen [2]. Das regt zur Reflexion semantischer und pragmatischer Aspekte einiger Begriffe und Konzepte des Chemieunterrichts an und führt gegebenenfalls zu didaktisch-methodischen Korrekturen. Dies betrifft insbesonders die Begriffe und Konzepte, die über das Fach hinaus heute zum public domaine in der Sprache und im Denken gehören. Ein Beispiel dafür ist der Begriff des Gleichgewichts und die unterschiedlichen, damit verknüpften Modelle bzw. Assoziationen. Man spricht von biologischen und ökologischen, ökonomischen und machtpolitischen, von ästhetischen und psychischen, von mechanischen und thermischen, und nicht zuletzt von chemischen Gleichgewichten.

Dieser Aufsatz setzt sich zum Ziel, unterschiedliche Typen von Gleichgewichten in chemischen Systemen experimentell zu veranschaulichen und Kriterien zu entwickeln, die den Brückenbau zu den übrigen, nicht-chemischen Gleichgewichten erleichtern.

Als gemeinsames Merkmal aller Gleichgewichte wird die Stationarität, d.h. die zeitliche Invarianz gewisser, makroskopisch beobachtbarer Parameter in den betrachteten Systemen angesehen. Zyklisches oder periodisch-stationäres Verhalten, bei dem die Parameter zeitlich nur innerhalb bestimmter Grenzen oszillieren, gilt als ein Sonderfall von Stationarität.

2. Chemische Experimente mit stationären Systemen

V1 Keto-Enol-Gleichgewicht

Historische Anmerkung: Dieser Versuch ist schon sehr lange bekannt und wurde bereits vielfach beschrieben.

Geräte und Chemikalien: Magnetrührer, 1 Liter-Becherglas, Meßzylinder, Acetessigsäureethylester F, Eisen(III)-chlorid Xn, gesättigtes Bromwasser C,T.

Durchführung: Im Becherglas werden ca. 600 ml Wasser, 2 ml Acetessigsäureethylester und zwei große Spatelspitzen Eisen(III)-chlorid auf dem Magnetrührer kräftig gerührt. Die Lösung nimmt eine tiefrote Farbe an. In Abständen von 1 min. wird unter weiterem Rühren jeweils eine Portion von 50 ml Bromwasser hinzugefügt.

Beobachtung: Beim Zufügen des Bromwassers verschwindet die rote Farbe schlagartig. Sie kehrt von alleine allmählich wieder zurück. Der Vorgang kann mindestens 5 mal wiederholt werden.

Deutung und Erklärung: Im Becherglas mit der roten Lösung liegt ein Gleichgewicht zwischen der Keto-Form und der Enol-Form des eingesetzten Esters vor [3]. Der Enol-Anteil beim Gleichgewicht beträgt ca. 8% der gesamten Stoffmenge an Ester. Sie gibt mit Eisen(III)-Ionen einen roten Komplex. Mit dem Brom aus dem Bromwasser reagiert die Enol-Form rasch, was den Zerfall des roten Eisen-Komplexes zur Folge hat. (Anmerkung: neben dem Additionsprodukt an die C=C Bindung bildet sich ein Substitutionsprodukt an der Methylen-Gruppe zwischen den beiden Carbonyl-Gruppen.) Nach dieser Störung des Keto-Enol-Gleichgewichts stellt sich dieses wieder ein. Die sich nachbildende Enol-Form liefert erneut den roten Eisen(III)-Komplex. Wegen des Verdünnungseffekts und der Konzentrationsabnahme des enolisierbaren Esters verringert sich die Farbintensität der Lösung nach einigen Zyklen.

V2 Oszillationen an der Platin-Spirale

Historische Anmerkung: Dieser Versuch wurde im Jahr 1989 in ein Lehrbuch für die Sekundarstufe II aufgenommen und didaktisch verwertet [3]. Er ist auch in den im Jahr 1994 erschienenen Chemischen Kabinettstücken von H.W.ROESKY und K.MÖCKEL enthalten [4]. Dem Autor ist der Versuch seit Mitte der 70-er Jahre von dem Chemiekollegen D.PATERKIEWICZ aus Syke bekannt, der ihn von seinem Seminarlehrer Anfang der 50-er Jahre in Bremen erfahren hatte. Die historische Urquelle des Versuchs ist nicht auszumachen.

Geräte und Chemikalien: 500-ml Erlenmeyer-Weithalskolben, elektrische Heizplatte, Gasbrenner, Platindraht (ca. 15 cm lang und ca 0,5 mm dick); Eisendraht (1 mm bis 2 mm dick), Methanol F, T oder Ethanol, F.

Durchführung: Der Kolben wird ca. 1 cm hoch mit Methanol (oder Ethanol) beschickt, auf der Heizplatte auf ca. 50°C erhitzt und zur Seite gestellt. Dann wird der Platindraht samt Bügel aus dickerem Eisendraht mit der Tiegelzange in der Brennerflamme angeglüht und in den Kolben gehängt (Abb. 1). Das Geschehen im Kolben wird im Dunkeln einige Minuten beobachtet.

Beobachtung: Der Methanoldampf entzündet sich, eine Flamme schlägt aus dem Kolben. Nach einigen Sekunden geht die Flamme aus. Der Platindraht glüht auf und wird immer heller, bis schließlich wieder eine Zündung und Verbrennung des Methanoldampfes erfolgt. Die Flamme geht erneut aus und die genannten Beobachtungen wiederholen sich immer wieder (über 50 mal).

Abb. 1: Versuchsvorrichtung, Reaktionen und Oszillationen bei der Methanol-Oxidation am Platin-Draht (diese

Abbildung kann der Lit. [3], S.106 entnommen werden)

Deutung und Erklärung: Die Zyklen bestehend aus der Verbrennung des Methanoldampfes, dem Erlöschen der Flamme, dem Aufglühen des Platindrahtes und der erneuten Entzündung und Verbrennung des Methanoldampfes beruhen auf der Kopplung der beiden Reaktionen (1) und (2) aus Abb. 1, den damit verbundenen Temperaturschwankungen am Draht und im Kolben, dem Phasengleichgewicht zwischen flüssigem und gasförmigem Methanol sowie der Diffusion von Sauerstoff und Verbrennungsprodukten durch die Kolbenöffnung. Der Anteil der Reaktionen (1) und (2) im Kolben schwankt periodisch. Das Produkt aus Reaktion (1), das Methanal, erreicht immer dann die maximale Konzentration in der Umgebung des Platindrahtes, wenn dieser am stärksten glüht, also kurz vor der Zündung des Flamme. Das Methanal entweicht zusammen mit den heißen Verbrennungsprodukten aus (2) während die Flamme brennt. Die Flamme erlischt, weil der für (2) notwendige Sauerstoff im Gasraum des Kolbens schnell verbraucht ist. Nun setzt wieder die katalytische Oxidation (1) ein, die weniger Sauestoff benötigt als (2). Da sie exotherm verläuft, heizt sich der Draht auf und fördert sowohl den Gasaustausch zwischen dem Kolbeninneren und der Umgebung als auch das Verdampfen des Methanols. Wenn der Draht die Weißglut erreicht und inzwischen wieder genug Sauerstoff in den Kolben diffundiert ist, zündet die Flamme erneut.

V3 Spiropyran - Photochromie

Historische Anmerkung: Spiropyrane mit photochromen Eigenschaften wurden von E.FISCHER und A. WEIZMANN im Jahr 1950 entdeckt [5a-5c]. Die nachfolgenden Versuche wurden von D. WÖHRLE und dem Autor für den GDCh-Lehrerfortbildungskurs Photochemie im Chemieunterricht entwickelt [6].

a)Synthese: Je 2 g der Verbindungen I und II (siehe unten) werden 5 Stunden lang in 50 ml Ethanol, F unter Rückfluß gekocht. Das abgekühlte Gemisch wird filtriert, der Rückstand mit etwas Ethanol nachgewaschen und gegebenenfalls noch einmal aus Ethanol umkristallisiert.

I: 2-Methylen-1,3,3-trimethylindolin (Aldrich M4,620-9; 5 g ca. 35.-DM)

II: 2-Hydroxy-5-nitrobenzaldehyd (Aldrich 27,535-2; 5 g ca. 75 DM)

b)Photochromie-Versuche: Eine ca. 3%-ige Lösung des Spiropyrans in Toluol, Xn, F (Lösungsvorgang durch Erwärmen beschleunigen) wird in einem verschlossenen Behälter (Reagenzglas oder flache Küvette) ca. 30 s lang mit dem starken Licht eines Diaprojektors bestrahlt, so daß die Farbe der Lösung in der Projektion zu erkennen ist. Nach der Bestrahlung wird die Lösung 30 s lang ins Dunkle gestellt. Die Bestrahlung wird auch mit Blaulicht und Rotlicht wiederholt. Zur Erzeugung von Blaulicht und Rotlicht werden entsprechende Farbgläser in den Strahlengang des Diaprojektors gebracht.

Beobachtung: Die anfangs schwach gelbe, fast farblose Lösung färbt sich bei Bestrahlung mit Blaulicht oder mit weißem Licht blau. Mit Rotlicht erfolgt keine Blaufärbung der Lösung. Die blaue Lösung entfärbt sich im Dunkeln. Sowohl die Blaufärbung als auch die Entfärbung erfolgt jeweils in wenigen Sekunden.

Erklärung und Begriffe: Bei der Synthese findet eine Kondensation mit gleichzeitiger Tautomerisierung statt, an der die Methylen-Gruppe aus I und die Aldehyd-Gruppe aus II beteiligt sind (vgl. Abb. 2). Das primär gebildete Merocyanin cyclisiert sofort zum Spiropyran, dessen Lösung in Toluol gelblich erscheint. Spiropyran absorbiert blaues Licht und lagert sich photochemisch zu dem zwar mesomeriestabilisierten, jedoch thermisch weniger stabilen Merocyanin um. Dabei färbt sich die Lösung blau. Im Dunkeln erfolgt spontan die Rückreaktion des Merocyanins zum Spiropyran. Die reversible Umlagerung zwischen Spiropyran und Merocyanin ist eine elektrocyclische Reaktion.

Bei Dauerbestrahlung mit weißem oder blauem Licht stellt sich ein stationärer Zustand ein, bei dem das Merocyanin und das Spiropyran in zeitlich konstanten Konzentrationen vorliegen, allerdings in einem ganz anderen Verhältnis als bei Dunkelheit. Ein solches, durch Lichtbestrahlung erzeugtes und aufrechtgehaltenes Gleichgewicht bezeichnet man als photostationäres Gleichgewicht. Die reversible Farbänderung eines Systems bei Licht und Dunkelheit oder bei Licht verschiedener Wellenlängen bezeichnet man als Photochromie.

Abb 2.: Synthese und Photochromie eines Spiropyrans (hier sind die Reaktionsgleichungen der Synthese und der

elektrocyclischen Ringöffnung- Ringschlußreaktion des Spiropyrans - vgl. Artikel in Chemkon)

3. Stationarität und Dynamik - eine systemische Einheit

Abgesehen vom statischen Gleichgewicht in der Mechanik (Stichwort: Balkenwaage) beruhen Geichgewichte, die in den Naturwissenschaften, den Wirtschaftswissenschaften und den Sozialwissenschaften relevant sind, i.d.R. auf der inneren Dynamik der Systeme. Insofern bilden die "äußere" Stationarität eines Systems und seine "innere" Dynamik eine Einheit. Die dynamischen Prozesse in einem System können nach fachspezifischen Gesichtspunkten untersucht werden. Bei chemischen Systemen sind das die Vorgänge auf der Teilchenebene, die Elementarreaktionen. Eine im Sinne der Zielsetzung focussierte Auswertung der Versuche soll nun zur Abgrenzug verschiedener Arten von Stationarität, also verschiedener Arten von Gleichgewichten, funktionalisiert werden. Dabei kommen komplementäre Begriffspaare wie erzwungen-selbsttätig, reversibel-irreversibel, geschlossenes System-offenes System und Gleichgewicht-Ungleichgewicht zum Tragen. Sie sind auch auf nicht-chemische Systeme übertragbar.

Bei allen drei Versuchen treten Phänomenzyklen auf, d.h. immer wiederkehrende Beobachtungen.

Diese augenscheinliche Gemeinsamkeit kommt aber unterschiedlich zustande: Bei V1 und V3 muß jeder Zyklus durch den Experimentator erzwungen werden (Zugabe von Bromwasser bei V1 bzw. Bestrahlung mit Licht bei V3), bei V2 dagegen verläuft eine große Anzahl von Zyklen selbsttätig. Die Lösungen aus V1 und V3 stellen jeweils geschlossene Systeme dar, bei V1 allerdings nur zwischen den Zeitpunkten der Zugabe von Bromwasser. Sich selbst überlassen erreichen diese Systeme nach kurzer Zeit den Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts zwischen jeweils zwei Isomeren, der Keto- und Enolform des Acetessigsäureethylesters bei V1 bzw. dem Spiropyran und dem Merocyanin bei V3. Die auf der Phänomenebene meßbare Konzentration jedes der Reaktionsteilnehmers ist zeitlich konstant. Der Massenwirkungsquotient der Reaktion nimmt den Wert der Gleichgewichtskonstante K an und die Änderung der freien Reaktionsenthalpie ist gleich Null, G=0. Auf der Teilchen-Ebene laufen reversible Elementarprozesse ab, die Raten von Hin- und Rückreaktion sind gleich. In den Versuchen V1 und V3 wird dieser Zustand des chemischen Gleichgewichts durch Stoff- bzw. Energiezufuhr von außen gestört. Nach der Störung stellt sich erneut das chemische Gleichgewicht ein, der Phänomenzyklus schließt sich. Die Analogie zwischen V1 und V3 endet hier. Auf die Unterschiede wird im weiteren Verlauf eingegangen.

Vergleicht man V1 und V2 miteinander, so werden trotz oder gerade wegen der zu beobachtenden Phänomenzyklen bei beiden Versuchen die grundlegenden Unterschiede zwischen dem chemischen Gleichgewicht (V1) und den chemischen Oszillationen (V2) deutlich. Chemische Oszillationen können nur in offenen Systemen auftreten, die noch weit vom thermodynamischen Gleichgewicht entfernt sind (G < 0). Die im System ablaufenden Einzelprozesse müssen gekoppelt sein, mindestens ein rückgekoppelter (autokatalytischer oder autoinhibitorischer) Prozeß muß dabei vorkommen. Die Elementarvorgänge in einem solchen System verlaufen irreversibel. Im System kann es unter gewissen Umständen selbsttätig zu makroskopisch beobachtbarer Strukturbildung, d.h. spontaner Entropieabnahme, kommen [7]. Bei chemischen Reaktionen bedeutet das eine zeitliche oder/und räumliche periodische Schwankung der Konzentration eines oder mehrerer Reaktionsteilnehmer, ein Phänomen, für das sich der Begriff chemische Oszillationen eingebürgert hat. Da die Grenzen, zwischen denen die Konzentrationen oszillieren, über ein längeres Zeitintervall konstant sind, ist das oszillatorische Verhalten eines Systems eine Stationarität im Ungleichgewicht, und damit grundverschieden von der Stationarität im Zustand der thermodynamischen Gleichgewichts. Diese Ausführungen legen nahe, daß die Überschrift des Aufsatzes "ungleiche Gleichgewichte" eigentlich einen Widerspruch in sich birgt. Die Intention dieser Überschrift ist, einen Bogen zu den nicht-chemischen Gleichgewichten zu spannen. Häufig handelt es sich dabei um periodisch-stationäre Zustände in offenen Systemen, die eher den Oszillationen in V2 als dem Gleichgewicht und den erzwungenen Zyklen in V1 gleichen (z.B. Gleichgewichte zwischen biologischen Spezies in natürlichen Ökosystemen).

Das sich unter Lichtbestrahlung einer Spiropyran-Lösung einstellende photostationäre Gleichgewicht (vgl. V3) ist weder ein thermodynamisches Gleichgewicht noch eine chemische Oszillation. Es hat aber mit beiden auch Gemeinsamkeiten. Im Zustand des photstationären Gleichgewichts in einem geschlossenen System sind die Konzentrationen der Reaktionsteilnehmer zeitlich konstant, ebenso wie beim thermodynamischen Gleichgewicht. Das ist aber nicht das Resultat von reversiblen Elementarprozessen des Typs A B , sondern das Ergebnis irreversibler lichtangetriebener Reaktionszyklen auf molekularer Ebene (Abb. 3 ). Das System im photostationären Gleichgewicht

Abb. 3: Folie "Photostationäres Gleichgewicht"

in V3 hängt ebenso wie das oszillierende System in V2 gewissermaßen "am Tropf". Während das oszillierende System in V2 ständig Stoffe nachgeliefert bekommt, die in exergonischen Reaktionen miteinander reagieren, erhält das photostationäre System in V3 ständig Strahlungsenergie, die teilweise chemisch umgesetzt und teilweise thermisch entwertet wird. Das geschieht über den in Abb. 3 dargestellten Zyklus A Fehler! Textmarke nicht definiert. A* B A, wobei A dem Spiropyran und B dem Merocyanin aus V3 entspricht. Solange dieser Zyklus durch Licht geeigneter Wellenlänge (Fehler! Textmarke nicht definiert.=450 nm) angetrieben wird, bildet sich über den elektronisch angeregten Zustand A* ständig B und dieses lagert sich thermisch in A um. Die Gleichgewichtskonstante K (vgl. Abb. 3) hat einen anderen Wert, in diesem Fall einen größeren, als die thermodynamische Gleichgewichtskonstante K . Die photostationäre Konzentration von B ist dabei so groß, daß B die blaue Farbe der Lösung bestimmt. Nach Ausschalten des Lichts oder bei Rotlicht bricht der genannte Zyklus zusammen, die Umlagerung von A nach B wird damit unterbrochen. Es stellt sich wieder das thermodynamische Gleichgewicht zwischen A und B ein, das stark auf der Seite von A liegt; die Lösung erscheint dabei schwach gelb.

Am Beispiel des photostationären Gleichgewicht wird deutlich, daß es in einem geschlossenen System außer dem thermodynamsichen Gleichgewicht prinzipiell auch andere stationäre Zustände geben kann. Bedingung dafür ist Dissipation von zugeführter Energie in irreversiblen Elementarprozessen.

4. Didaktisches und Curriculares

Der zentrale Stellenwert des chemische Gleichgewichts im Unterricht der Sekundarstufe II wird hier weder in Frage gestellt noch problematisiert. Das chemische Gleichgewicht ist zurecht in den Lehrplänen bzw. Rahmenrichtlinien aller Bundesländer als Pflichtinhalt ausgewiesen und findet in allen gängigen Schulbüchern einen gebührenden Raum, wenngleich die didaktisch-methodische Aufbereitung unterschiedlich ausfällt. In fachdidaktischen Zeitschriften sind das chemische Gleichgewicht, das Massenwirkungsgesetz (MWG) und seine Anwendungen Dauerbrenner.

Der Versuch zum Keto-Enol Gleichgewicht (V1) kann im Lehrgang der Sekundarstufe II eingesetzt werden, wenn die Beeinflussung von Gleichgewichten durch verschiedene Faktoren, hier die Konzentration eines Reaktionsteilnehmers, erarbeitet werden soll. An dieser Stelle des Curriculums bietet es sich auch an, die Palette der "traditionellen" Faktoren Temperatur, Konzentration und Druck, um den Faktor Licht zu ergänzen. Dafür eignet sich eine photochrome Lösung wie in V3 . Der Begriff des photostationären Gleichgewichts sollte an dieser Stelle des Lehrgangs eingeführt und von dem des thermischen Gleichgewichts abgegerenzt werden. Dabei ist eine adäquate didaktische Reduktion und Adaptation der im Zusammenhang mit Abb. 2 und Abb. 3 weiter oben diskutierten Aspekte erforderlich. Die Angabe, daß bei V3 eine Isomerisierung zwischen einer gelben und einer blauen Verbindung abläuft sollte hier ausreichen, die Formeln der Verbindungen sind hilfreich, aber nicht notwendig. Der lichtangetriebene Kreisprozeß beim photostationären Gleichgewicht kann vereinfacht nach der gestrichelten Linie in Abb. 3 dargestellt, auf die Versuchsvarianten mit blauem und rotem Licht kann verzichtet werden. Der hier bereitgestellte Begriff des photstationären Gleichgewichts wird später aufgegriffen und didaktisch ausgebaut, z.B. bei photostationären Gleichgewichten in der Atmosphäre, die im Zusammenhang mit der Ozonproblematik diskutiert werden. Beim Thema Farbstoffe, Molekülstruktur und Farbigkeit können die Versuchsvarianten mit blauem und rotem Licht zur Demonstration der Tatsache dienen, daß eine gelbe Lösung blaues, aber nicht rotes Licht absorbiert.

Für die curriculare Einbindung der chemischen Oszillationen in V2 wird eine Unterrichtseinheit vorgeschlagen, die nach der experimentellen und modelltheoretischen Behandlung des chemischen Gleichgewichts und des MWG angesiedelt ist. Gleich im Anschluß, noch vor den vielfachen Anwendungen des MWG bei großtechnischen Prozessen, Fällungsreaktionen, Protolysegleichgewichten etc. sollte auch auf das stationäre Verhalten einiger offener Systeme fernab vom Gleichgewicht eingegangen werden. Dazu gehören neben dem Fließgleichgewicht auch die chemischen Oszillationen. Die platinkatalysierte Alkohol-Oxidation eignet sich dafür hervorragend, weil der Versuch einfach durchzuführen ist und erfahrungsgemäß in der hier dargestellten Form im Unterrichtsgespräch einsichtig erklärt werden kann (überzeugender als andere chemischen Oszillationen, z.B. Briggs-Rauscher Reaktion oder Belousov-Zhabotinski Reaktion). Hier kann, wie bereits mehrfach in diesem Aufsatz erwähnt, ein interdisziplinäres Fenster geöffnet werden, indem man verschiedene Arten von stationären Systemen aus der Chemie und außerhalb der Chemie miteinander vergleicht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellt.

Doch bei aller Aufgeschlossenheit für Neues in der eigenen Disziplin und für interdisziplinäre Vernetzung sollte gerade auch für einen zeitgemäßen Chemieunterricht gelten: Die Kunst des Fortschritts besteht darin, inmitten des Wechsels Ordnung zu bewahren, inmitten der Ordnung den Wechsel aufrecht zu erhalten [8].

Literatur

[1] M. Eigen, R. Winkler: Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall, Piper, München, Zürich, 4. Auflage,1981.

[2] Niedersächsischer Kultusminister: Arbeitspapiere zur Neugestaltung des naturwissenschaftlichen Unterrichts. 1992. Internes Arbeitspapier für die Rahmenrichtlinien-Kommissionen Chemie, Biologie und Physik.

[3] M. Tausch, M. von Wachtendonk: Chemische Gleichgewichte - Elektrochemie, Stoff-Formel-Umwelt, Buchner, Bamber, 1989, 1991 (Hrsg.): Chemie SII (Gesamtband), Stoff-Formel-Umwelt, Buchner, Bamberg, 1993, 1995

[4] H. W. Roesky und K. Möckel: Chemische Kabinettstücke, VCH, Weinheim, 1994

[5a] E. D. Bergmann, A. Weizmann und E. Fischer, J. Am.Chem.Soc. 72, 5009 (1950)

[5b] E. Fischer, ChiuZ, 9, 85 (1975)

[5c] H. Dürr, Praxis (Chemie), 40, 22 (1991) - Reviewartikel zur Photochromie

[6] M. Tausch, Photochemie im Chemieunterricht - Kursscript, S. 65, Bremen 1995

[7] I.Prigogine: Vom Sein zum Werden - Zeit und Komplexität in den Naturwissenschaften, Piper, München, Zürich 1979

[8] R. P. Kreher, Chemkon, 1, 4, (1994)